Inspektionsintervalle - Marketing-Gag oder echter Vorteil?

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    Weg-Zeit-Rechnung
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    Der Trend geht zu längeren Kilometerintervallen bei der Wartung. Ist das ein reines Marketing-Instrument oder ein handfester Vorteil für Motorradkäufer? Die Tücke steckt, wie oft, im Detail.


    MOTORRAD-Leser Helmut Blesing versteht die Welt nicht mehr. Im April hat er sich eine nagelneue Yamaha MT-09 Tracer­ zugelegt. 10.000 Kilometer soll der tourentaugliche Dreizylinder laut Hersteller wartungsfrei abspulen können. Trotzdem sagt der Händler, dass die Maschine jedes Jahr eine Inspektion zu absolvieren hat. Blesing wundert sich: „Wem nützen 10.000-Kilometer- oder 15.000-Kilometer-Intervalle, wenn eh jährlich eine Wartung durchzuführen ist, egal ob man nur 2.000 oder 5.000 Kilometer gefahren ist?“


    Gute Frage, nächste Frage: Was tut sich da eigentlich aktuell an der Wartungsfront? Um dem auf den Grund zu gehen, hat ­MOTORRAD eine Umfrage bei den neuzulassungsstärksten Marken (Januar bis Juli 2016) in Deutschland gemacht. Fazit: Der Branchentrend geht zu gestreckten Service-Takten (siehe Tabelle) – bei einigen Ducati- und KTM-Baureihen sind es sogar bis zu 15.000 Kilometer. BMWHier geht's zu passenden Produkten auf Amazon.de! hat vor knapp zehn Jahren das sogenannte dynamische Servicekonzept eingeführt: Die Kundendienstanzeige im Display schlägt – gespeist von den Fahrzeugdaten – Alarm, sobald die Fahrt in die Werkstatt fällig ist. Bei Autos ist dies seit Jahren schon gang und gäbe. Der Bordcomputer hat das letzte Wort – ganz gleich, welche Inspektionsvorgaben laut Hersteller auf dem Papier stehen.


    MOTORRAD-Leser fahren am meisten
    Tatsache ist aber auch: Die durchschnitt­liche Jahresfahrleistung von Bikern ist hierzulande in den letzten 20 Jahren insgesamt rückläufig. Sie liegt derzeit laut Allensbacher ­Institut für Demoskopie bei 4.770 Kilometern pro Jahr. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) weist jedoch nur knapp 2.350 Kilometer als durchschnittliche Fahrleistung von Motorrädern pro Jahr in Deutschland aus. Der Grund für diesen vermeintlichen Widerspruch: Statistik zählt, rechnet aber nicht nach. Die KBA-Erhebung basiert auf den bei der Hauptuntersuchung abgele­senen Kilometerständen von Fahrzeugen. Zweit- oder Drittmotorräder des jeweiligen Halters und die damit gemachten Kilometer fallen somit durch das Behörden-Raster. Befragt man dagegen die MOTORRAD-Leser als harten Kern der ambitionierten Biker, so kommen deutlich höhere Fahrleistungen zustande: Sie liegen stabil um die 7.600 Kilometer pro Jahr, wie die ­Ergebnisse der Befragungen bei der Leserwahl zum „Motorrad des Jahres“ belegen.


    Selbst dieser Spitzenwert bei der Kernklientel ist jedoch um einiges davon entfernt, was die meisten Motorradhersteller aktuell als kilometerabhängigen Wartungsrhythmus festgelegt haben. Das mag den absoluten Vielfahrer freuen. Bei den Zweirad-Normalos bleibt die Jahreskilometerleistung meistens unter den gesetzten Wartungspunkten. Deshalb verlangen alle Marken ohne Wenn und Aber eine jährliche Durchsicht, wenn der Tacho das Intervallziel noch nicht anzeigt. Diese ist vom Arbeitsumfang her in etwa vergleichbar mit einer normalen kleinen Inspektion.


    Vorgabe zum Ölwechsel kommt vom Motorradhersteller
    Fester Bestandteil bei allen Herstellern: ein Ölwechsel, unabhängig von den gefahrenen Kilometern. Völlig übertrieben, wie nicht nur MOTORRAD-Top-Tester ­Karsten Schwers meint. Auch ein KTM-Händler bestätigt dies. Warum das so ist, verrät er hinter vorgehaltener Hand: „Am Öl wird richtig Geld verdient.“ Auf der Rechnung für den Kunden steht in der Regel mehr als das Vierfache dessen, was im Einkauf dafür bezahlt werden muss. Die Werkstätten deshalb pauschal als Raffkes und Gierschlünde anzuprangern, ist aber nicht gerechtfertigt – die Vorgabe zum jährlichen ÖlwechselHier geht's zu passenden Produkten auf Amazon.de! kommt schließlich vom Motorradproduzenten. Dies kann man durchaus als Zuckerstückchen für die Vertriebsorganisa­tion deuten: Denn die meisten Marken ­geben ­ihren Händlern pro verkaufter ­Maschine ­eine gewisse Umsatzgröße vor, die mit ­Ersatzteilen, Zubehör und Bekleidung insgesamt zu erzielen ist. 2.600 Euro muss zum Beispiel ein KTM-Käufer unter dem Strich auf den Tresen legen, damit der Händler diese Vorgabe erfüllt.


    Rund um den obligatorischen Ölwechsel gibt es noch mehr Ungereimtheiten: Mal steht der gleichzeitige Ölfilterwechsel im Lastenheft, so zum Beispiel bei Harley-Davidson und Ducati. Und mal eben nicht – ­etwa bei Hondas Africa Twin oder bei Yamahas Bestseller MT-07. „Das ist keineswegs sinnvoll“, räumt ein Yamaha-Händler durchaus selbstkritisch ein. Doch der gute Mann hält sich in der Regel an die Werksvorgaben. Der Grund: „Steht nur ein Posten auf der Rechnung, der nicht auf dem Wartungsplan steht, schlagen die Kunden Alarm.“ Er rät zum gleichzeitigen Filterwechsel, ist aber deshalb in der Zwickmühle. Da kann man nur sagen: Liebe MT-07-Fahrer, auf die fünf oder acht Euro für den Filter kommt’s dann wirklich nicht mehr an.


    Jährliche Inspektion hat durchaus ihren Sinn
    Wer sich in die jeweiligen Wartungspläne versenkt, der stellt sich mehr als einmal die Frage nach Sinn oder Unsinn der vorgeschriebenen Maßnahmen. So müssen bei der Triumph Bonneville T 100 alle vier Jahre – ungeachtet des Kilometerstands – die Kraftstoffschläuche ausgewechselt werden – Kostenpunkt um die 250 Euro. „Eine Sichtprüfung würde zunächst reichen“, gibt ein Triumph-Händler freimütig zu. Ihm erschließt sich ebenfalls nicht so recht, warum laut Triumph alle 20.000 Kilometer der Benzinfilter fällig sein soll. „Bei der Bonnie halten sich die Kosten mit rund 30 Euro noch im Rahmen“, sagt er. Bei anderen Triumph-Modellen sei man aber mit bis zu 90 Euro dabei.


    Damit keine Missverständnisse aufkommen: Eine jährliche Inspektion hat durchaus ihren Sinn. Man ist einfach besser unterwegs, wenn alle sicherheitsrelevanten Bauteile vor dem Start in die neue Saison überprüft sind. Und: Weil immer mehr Biker nicht nur ein, sondern zwei, drei oder mehr MotorräderHier geht's zu passenden Produkten auf Amazon.de! besitzen, nimmt die Zahl der Standschäden zu. Ein typisches Beispiel sind Gabeldichtringe. Hat an ihnen der Zahn der Zeit genagt, reicht eine Bewegung, und sie reißen. Keine besonders angenehme Vorstellung, mit verölter Vorderradbremse noch wirkungsvoll verzögern zu müssen.


    „Vorgaben sind wegen der Garantieansprüche zu erfüllen“
    Wie die Inspektionsintervalle im MOTORRAD-Testschema berücksichtigt werden und was aus Sicht des Praktikers bei der Wartung zeitgemäß und sinnvoll ist, sagt uns Top-Tester Karsten Schwers.


    MOTORRAD vergibt bei der 1000-Punkte-Wertung maximal 20 Punkte für die Inspektionskosten. Davon können jeweils bis zu zehn Punkte für das Inspek­tionsintervall und für die entsprechenden Richtzeiten erreicht werden. Zum Beispiel gibt es bei einem Intervall von 10.000 Kilometern acht von zehn Punkten. Wegen der Unterschiede werden die Stunden über eine längere Laufleistung ermittelt. Eine hohe Punktzahl kann in diesem Kapitel nur aufgrund eines langen Intervalls und kurzen Richtzeiten erreicht werden. Aktuell bewegen sich die Inspektions­intervalle zwischen 5.000 und 15.000 Kilometern – je nach Marke, Modell oder Baujahr. Bei den Japanern setzte bisher nur Yamaha auf lange Intervalle.


    Inzwischen hat aber ein Umdenken stattgefunden, wie das Beispiel der neueren Suzuki-Modelle zeigt. Europäer wie etwa Triumph und Ducati praktizieren dies bereits. Bei KTM werden ebenfalls zunehmend die Intervalle gestreckt. Für mich sind Inspektionsintervalle ab 10.000 Kilometer vollkommen praxisgerecht. Alles andere ist einfach zu kurz und nicht mehr zeitgemäß. Nicht jede Urlaubsfahrt beginnt direkt nach einer Inspektion, und bei einer aus­gedehnten Reise durch die Alpen kommen schnell ein paar Tausend Kilometer zusammen. Zudem sind in den Sommermonaten die Wartezeiten auf einen Termin in der Werkstatt meist länger. Man kann einen Sommer besser überbrücken als in kürzeren Schritten.


    Bezogen auf die Haltbarkeit sind 10.000er-Intervalle ausreichend. Dass bei jeder Jahresinspektion ein Ölwechsel fällig ist, ist übertrieben. Apropos Übertreibung: Wir waren doch einigermaßen erstaunt, als beim MOTORRAD-Dauertest der Kawasaki Z 1000 nach 48.000 Kilometern die kompletten Bremsleitungen samt Dichtungen für die Bremskolben getauscht werden mussten. Kostenpunkt: 2.500 Euro. Nach gerade mal zwei Jahren waren diese noch völlig funktionstauglich. Die Crux dabei: Wegen möglicher Garantieansprüche muss sich der Besitzer an die Vorgaben des Herstellers halten. Wenn 48.000 Kilometer jedoch bei einer Jahresleistung von nur 3.000 Kilometern erst nach 16 Jahren erreicht werden, ist diese Wartungsarbeit natürlich absolut sinnvoll. Für Vielfahrer würde in kürzeren Abschnitten allerdings auch eine Sichtprüfung reichen.


    Quelle Motorradonline